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Unsere Praxis in Wunstorf Dipl-Psych. Petra Pallenberg Dipl.-Psych. Dr. Günter Ottersbach Psychotherapie: Wozu? Psychotherapie-verfahren

Wurzeln und Entwicklung der Psychotherapie


Die heute gängigen Psychotherapieverfahren können im wesentlichen auf vier verschiedene Strömungen zurückgeführt werden, deren unterschiedliche Entwicklung verstehbar wird, schaut man sich ihre historischen Entwicklungen an.


Die Mehrzahl der Psychotherapeut/inn/en sind nicht nur in einem speziellen Verfahren intensiv ausgebildet, sondern sind oftmals auch in weiteren Verfahren bzw. zumindest in deren Grundlagen fortgebildet. Daher wird in der psychotherapeutischen Praxis auch häufig eine Integration verschiedener Interventionstechniken, in das von dem jeweiligen Therapeuten favorisierte therapeutische Verfahren betrieben. Mit dieser Art des Vorgehens ist die Therapeutin / der Therapeut auch in der Lage, den Bedürfnissen seines Klientels entsprechend der vorliegenden "Störung" bzw. der vorhandenen Ressourcen angemessener und effektiver zu begegnen. Dies entspricht auch zunehmend der wissenschaftlichen Forschung über die Effektivität unterschiedlicher Therapieformen bei verschiedenen "Krankheitsbildern".

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie


Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hat ihre Wurzeln in der Psychoanalyse nach FREUD (siehe weiter unten). Nach den Psychotherapierichtlinien umfasst die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie "ätiologisch orientierte Therapieformen, mit welchen die unbewusste Psychodynamik aktuell wirksamer neurotischer Konflikte unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand behandelt werden".


Hinter therapeutischen Ansätzen, die sich als tiefenpsychologisch fundiert definieren, steht vor allem das in der Klassischen Psychoanalyse bereits begründete und seit nunmehr fast hundert Jahren auch stets weiterentwickelte Menschen- und Krankheitsverständnis, nach dem neurotische Störungen aufgrund  innerer Konflikte entstehen, wie z.B. zwischen sexuellen Trieben versus der Vernunft oder dem Gewissen.


Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht nur Konflikte der gerade beschriebenen Art zu psychischen Störungen oder psychischem Leiden führen, sondern auch manche frühkindliche Mangelerfahrung z.B. an positver Wertschätzung, narzisstischer Spiegelung oder Sicherheit und Geborgenheit. Diese in der Entwicklungspsychologie erworbenen Erkenntnisse haben zu weiteren wichtigen theoretischen Entwicklungen der psychoanalytischen Theorie geführt, die ihren Ausdruck finden in der Ich-Psychologie und der Selbst-Psychologie (v.a. KOHUT und KERNBERG) sowie der Objektbeziehungstheorie (SPITZ, KLEIN, MAHLER, WINNICOTT u.a.).


Der tiefenpsychologisch fundierten Therapie liegt also in erster Linie ein psychodynamisches Verständis für die Entstehung von Neurosen und ihrer Symptome vor. Daher ist es immer wichtig, bei einem Menschen und dem Verständis für die Entwicklung seiner Symptome (z.B. neurotische Ängste, psychosomatische Beschwerden, depressive Stimmungen) die frühkindliche Situation zu erfassen und damit ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche Efahrungen er in dieser Zeit gemacht hat, z.B. hinsichtlich von mangelnder Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit, körperlicher oder sexueller Misshandlung, emotionale Überforderung, wenn beispielsweise die Eltern sehr schwach oder ängstlich waren und das Kind diese stützen musste (Parentifizierung), aber auch Erfahrungen von übermäßiger Verwöhnung und Überbehütung, was eine gesunde Entwicklung von Selbständigkeit beeinträchtigen kann.
Ein Kind passt sich stets seiner Umwelt an und es kann sein, dass es bestimmte Bedürfnisse dauerhaft verdrängen muss, um nicht immer wieder von neuem frustriert zu werden. Dies ist eine kreative Anpassungsleistung, dient der Vermeidung von Angst und immer wiederkehrenden neuen Konflikten. Im späteren Leben jedoch kann  sich diese anfänglich positive Lösung gegen die Person selbst richten, wenn sie weiterhin ihre Ängste und Bedürfnisse in bestimmten Bereichen dauerhaft verdrängt und somit nicht dafür sorgen kann, dass sie ihre Bedürfnisse überhaupt erst einmal wahrnimmt, sie ausdrücken kann und somit eine Chance auf Befriedigung erhält.  Diese Fähigkeiten wiederzuerlangen ist ein wichtiges Therapieziel in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Im Vergleich zur Verhaltenstherapie, in der es ja auch um "Neuerlernen" geht, versucht die tiefenpsychologisch fundierte Therapie in diesem Prozess  auch ein Verständnis dafür zu entwicklen und damit "aufzudecken", welchen angstreduzierenden Sinn die bisherige Abwehr bestimmter Bedürfnisse für den jeweiligen Menschen in der Vergangenheit hatte.




Klassische Psychoanalyse


Die Anfänge der professionellen Psychotherapie sind gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu datieren (FREUDs erste Veröffentlichungen mit BREUER 1893 "Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene" der Fall Anna O.)


Psychische Störungen wurden bis dahin überwiegend neurologisch erklärt. Es wurde postuliert, daß jede seelische Störung eine hirnorganische Ursache hat. Das Paradigma mechanistischer / somatischer Medizin und Naturwissenschaft beherrschte das Denken um die Jahrhundertwende. Abgesehen von dem Einfluss philosophischer und dichterischer Einsichten, stand auch FREUD unter dem Einfluss dieses Paradigmas.


FREUD entwickelte die Kernstücke der Psychoanalyse von 1900 -1920. Im Jahre 1900 veröffentlichte er sein erstes umfassenderes Werk "Traumdeutung", in dem er bereits das erste topische Modell darstellte, d.h. die Differenzierung des Psychischen Apparates in unbewusst (kann nur mit Hilfe der psychoanalytischen Technik ins Bewusstsein geholt werden), vorbewusst (kann jederzeit ins Bewusstsein geholt werden) und bewusst. Als therapeutische Technik führte er das freie Assozieren ein. Hinzu kamen folgende Konzepte:


- "Widerstand" : Der Klient wehrt sich gegen das Bewustwerden unbewusster Regungen und der Auseinandersetzung damit.


- "Übertragung": Frühkindliche affektive Erlebnisse und Verhaltensmuster des Klienten werden auf den Therapeuten übertragen,später wird dies zum Kerninstrument psychoanalytischer Technik.


- Entwicklung des Energiekonzepts der "Libido" : Die Libido durchläuft in der Entwicklung des Menschen ganz bestimmte Phasen; unbewältigte Konflikte in diesen Phasen und eine Störung in der Ökonomie der Libido wurden als Ursachen für Neurosen angenommen.


Außerdem arbeitete FREUD ein strukturelles Persönlichkeitsmodell heraus: Der "seelische Apparat" enthält drei "Psychische Instanzen": ES -ICH - ÜBERICH. Neurosen werden zurückgeführt auf Konflikte zwischen diesen Instanzen. Diese Konflikte sind mit Angst verbunden: Angst ist die Ursache für Verdrängungen! Das ICH, das zwischen Triebwünschen aus dem ES und den (Gewissens-) Ansprüchen aus dem ÜBER-ICH vermitteln und eine Anpassung an die Realität finden muß, steht im Mittelpunkt der Angst. Diese Sichtweise wurde auch z.B. von Tochter Anna FREUD in ihrem zentralen Werk: "Das Ich und die Abwehrmechanismen" (1936) weitergeführt.


Danach richtete sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung. Diese Blickrichtung ist auch heute noch sehr wichtig: In den sog. "frühen Störungen" wird strukturellen Defiziten mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was z.B. in solchen Störungen wie dem Borderline-Syndrom und einigen psychosomatische Störungen zum Ausdruck kommt (vergl. KOHUT 1979; KERNBERG 1981).

Humanistische Therapien


Die humanistische Therapien werden oft als "Dritte Richtung" oder "Dritte Kraft" in der Psychologie bezeichnet (neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus als dem Ursprung der Verhaltenstherapie). Hier finden sich unterschiedlichste Ansätze, die in einigen Prinzipien ihrer therapeutischer Arbeit übereinstimmen und die ein hinreichend gleichartiges Menschenbild besitzen:


Hauptrichtungen der humanistischen Therapie


Gestalttherapie (auch tiefenpsychologisch)


Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie


Psychodrama (Iacov MORENO)


Logotherapie ( Victor FRANKL)


Bioenergetik (A. LOWEN) (auch tiefenpsychologisch)


Transaktionsanalse ( E. BERNE) (auch tiefenpsychologisch)




1. Philosophische Wurzeln der humanistischen Psychotherapien:


Der Existenzialismus (Sören KIERKEGAARD, 1813 - 1855; Friedrich NIETZSCHE, 1844 - 1900; deutsche Vertreter: Karl JASPERS, Martin HEIDEGGER, Ludwig BINSWANGER) sucht jenseits von absoluten Werten, festen Normen, Rollen und Fassaden den "wirklichen Menschen", in seiner eigentlichen und "nackten" Existenz. Fragen nach dem Sein und dem Sinn werden in der Dimension der Zeit gesehen, d.h. dass der Mensch sich immer auf dem Weg des Selbstwerdens befindet. Es gibt keine allgemeingültigen absoluten Antworten.


Nach SARTRE ist der Mensch zur Freiheit verdammt, er selbst oder nicht er selbst zu sein oder zu werden. Durch diese Verantwortung und den Entscheidungsspielraum wird gleichzeitig aber auch Autonomie, Identität und menschliche Würde möglich.


Einen bedeutsamen Einfluss auf die Humanististische Psychologie hatte auch Martin BUBER. Der religiös verankerte BUBER betonte den Bezug des Menschen zur Welt und die Ich-Du-Beziehung als Begegnung: Eine Begegnung ohne Zweck, Gier oder Vorwegnahme!


2. Gestaltpsychologische Wurzeln der humanistischen Psychotherapien:


Im Gegensatz zur "Elementen-Psychologie", die von der Annahme ausgeht, dass psychische Phänomene aus (isoliert untersuchbaren) einzelnen Elementen zusammengesetzt sind, betont die Gestaltpsychologie, dass beim Wahrnehmen und Denken, bei Willenshandlungen und bei Bewegungsabläufen eine ganzheitliche Organisation nach übergreifenden Gestaltgesetzlichkeiten und dynamischen Gerichtetheiten stattfindet.


Besonders GOLDSTEIN zeigte, dass die Gestaltgesetze nicht nur im Wahrnehmungsbereich gelten, sondern für den gesamten Organismus Bedeutung haben. Er betonte die Einheit des Organismus (grundsätzliche Interdependenz psychischer und somatischer Prozesse) und die Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulation.


3. Menschenbild der humanistischen Psychotherapien:


Das Menschenbild der humanistischen Psychologie beinhaltet folgende zentrale Grundgedanken:


1. Autonomie und soziale Interdependenz: Der Mensch strebt nach Autonomie. Er entwickelt ein aktives Selbst und ist fähig, für sich Verantwortung zu übernehmen, dies immer im sozialen Kontext.


2. Selbstverwirklichung: Psychoanalytische und behavioristische Modelle erklären zwar ausreichend die Befriedung vieler primärer Bedürfnisse. Diese Erklärungen jedoch reichen nicht aus, denn der Organismus ist auch weiterhin aktiv, lebendig und schöpferisch. Daher werden zusätzlich Selbstaktualisierungskräfte und Wachstumskräfte als Antriebskräfte des Organismus angenommen.


3. Ziel- und Sinnorientierung: Neben den materiellen Grundlagen bestimmen auch humanistische Wertvorstellungen, wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde das Handeln. Handlungen sind sinn-strukturierend und ziel-orientiert.


4. Ganzheit: Der menschliche Organismus gilt als Leib-Geist-Seele-Einheit! Dies impliziert ein besonderes Verständnis vom Zusammenwirken körperlichen und seelischer Prozesse, welches beisielsweise auch beim Verständnis psychosomatischer Beschwerden hilfreich ist.

Gestalttherapie


Quellen der Gestalttherapie


1. Quelle: Psychoanalyse


Es bestehen einige Parallelen zwischen dem psychoanalytischen und dem gestalttheoretischen Erklärungsmodell der Neurose, besonders z.B. im Hinblick auf die "Abwehrmechanismen" (Psychoanalyse) und die "Kontaktvermeidungsmechanismen" (Gestalttherapie). PERLS selber war Arzt und ausgebildeter Psychoanalytiker, entwickelte die analytische Theorie aber in einigen wichtigen Bereichen weiter. Diese konnten sich allerdings in der traditionellen psychoanalytischen Theorie nicht durchsetzen. (Ihm erging es somit ähnlich wie anderen, fälschlicherweise häufig als "Freud-Schüler" bezeichneten Vordenkern anderer Therapieformen)


* Gegen den Lebens- und Todestrieb im psychoanalytischen Gedankengut, setzte er das Wachstumsstreben des Individuums, die Selbst- und Arterhaltung von Lebewesen.


* Entgegen dem Primat der Libido in der Psychoanalyse wird in der gestalttherapeutischen Sicht dem Hömöostaseprinzip, bzw. der organismischen Selbstregulation mehr Bedeutung zugeschrieben (prägnantestes Beispiel: der Hunger, erstmals dargestellt in F. PERLS "Ego Hunger and Aggression", London 1947).


* Der psychische Apparat ist nicht nur strukturiert in drei Instanzen wie in der Psychoanalyse, sondern besteht insgesamt aus einer Vielzahl von Phänomenen der polaren Differenzierung: Bsp.: Topdog ("Du solltest dies und jenes tun!" ) - Underdog ("Ich kann nicht, bin zu schwach!" ) .


Unterschiede in der therapeutischen Praxis:


Klassische Psychoanalyse - Gestalttherapie


vergangenheitsbezogen   -   gegenwartsbezogen


kausal-interpretativ   -   phänomenologisch


Frage nach dem "Warum"   -   Frage nach dem "Wie"


Fremdinterpretationen   -   Erfahrungen und Selbstinterpretation


therapeutische Abstinenz    -   persönliche Beziehung zwischen
und Distanz                      Therapeut und Klient




2. Quelle: Charakteranalyse (REICH)


Folgende Elemente aus der Reichschen Charakteranalyse wurden von PERLS in sein Therapiekonzept integriert:


* REICH war der Überzeugung, daß sich neurotische Strukturen auch körperlich fixieren (= muskuläre Charakterpanzerung). Somit wurde der Körper in die Psychotherapie einbezogen.


* Der Charakterwiderstand manifestiert sich eher im WIE der Kommunikation als im tatsächlichen Inhalt, im WAS.


* REICHS Überzeugung war, das wirkliches psychologisches Wachstum auch der Konfrontation bedarf.




3. Quelle: Der Existenzialismus


In die Gestalttherapie wurden folgende anthropologischen Grundsätze übernommen:


* Selbstverantwortlichkeit des Menschen


* Akzeptieren des Daseins als solchem, wie es zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade ist


* paradoxe Theorie der Veränderung: Werde, der Du bist (und nicht zu dem, was Du vorgibst zu sein oder andere von Dir erwarten)


* Leben mit wacher Bewusstheit(Awareness)


* Aufhebung der Leib-Seele-Dichotomie ( "Körper-Sein", und nicht "einen Körper haben"!)


* Ich-Du-Beziehung auch in der Therapeut-Klient-Beziehung (keine distanzierte Ich-Es-Beziehung)




4. Quelle: Die östlichen Philosophien


Übernahme verschiedener Prinzipien aus Zen-Buddhismus und Taoismus


* Fokussieren auf wache Bewusstheit im Hier und Jetzt


* Lebensziel: Integration der Person - Betonung des ständigen Wachstumsprozesses


* Annehmen von Gefühlen statt deren Analyse


* Paradox der Veränderung


* Der Weg ist wichtiger als das Ziel


* Zentrieren als Konfliktlösungsmöglichkeit zwischen Polaritäten




5. Quelle: Gestaltpsychologie


Thema der Gestaltpsychologie ist die Relativität der Wirklichkeit in Abhängigkeit von unserer Wahrnehmung. Hierzu wurden in den ersten Jahrzehnten des vergangenen 20. Jahrhunderts verschiedene Experimente gemacht (u.a. von GOLDSTEIN, KÖHLER, KOFFKA, WERTHEIMER).


PERLS erweiterte nun die Erkenntnisse über Strukturierungsprozesse und Gesetzmäßigkeiten der Gestaltpsychologie, die sich bisher nur auf sinnliche Wahrnehmung beschränkten, auf andere Prozesse des Organismus aus, v.a. auf Emotionen und körperliche Empfindungen. Demnach erfolgt die Organisation des organismischen Funktionierens nach dem Figur-Grund-Prinzip.


Einige wichtige Gestaltgesetze sind folgende:


* Figur-Grund-Prinzip: Der Wahrnehmungsprozess strukturiert das Feld in Figur und Hintergrund


* Tendenz zur guten Gestalt, Prägnanzgesetz: bedeutungsvolle Ganzheiten bergen aktiv organisierende Kräfte und die natürliche Tendenz zur Einfachheit der Form


* Zeigarnik-Effekt: unerledigte Situationen haben die Tendenz zur Vervollständigung




Das Menschenbild in der Gestalttherapie


"PERLS glaubt, daß Bedürfnisse, nicht Instinkte, uns zum Handeln bewegen. Für ihn ist alles organische Leben gekennzeichnet durch ein gerichtetes Fließgleichgewicht (Homöostase) zwischen zwei paradoxen (polaren, antithetischen) Impulsen: Selbsterhaltung (Ruhe, Sicherheit, Formbeständigkeit, Festigung) einerseits und Wachstum (Bewegung, Veränderung, Entfaltung, Differenzierung) andererseits. Überbetonung der Selbsterhaltung führt zur Erstarrung, Überbetonung der Differenzierung zu Verlust von Sicherheit und Substanz. Für jeden von uns gibt es ein optimales Gleichgewicht zwischen den beiden, das als lustvoll empfunden wird. Ungleichgewicht in unserem Organismus macht sich bemerkbar durch Bedürfnisse, deren Befriedigung zu Genuss, Gleichgewicht und Wachstum führt, deren anhaltenden Frustration jedoch zu Unruhe, Stagnation, Krankheit und schließlich Tod führen kann."


(BÜNTIG W: Die Gestalttherapie Fritz Perls. in: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Kindler Verlag S. 1044ff)


Viele weitere Prämissen im Menschenbild der Gestalttherapie leiten sich aus den bereits dargestellten Quellen ab, u.a. :


Der Organismus befriegt seine Bedürfnisse in Form von Kontaktprozessen durch das sensorische und motorische System des Organismus. Alle Erfahrungen und Erlebnisse sind Kontakterfahrungen, die sich an der Grenze zwischen dem Organismus und der Umwelt vollziehen, dies ist der Ort der Beziehung zwischen Organismus und Umwelt.


Es formieren sich in ständigem Wechsel aus dem Pool aller möglichen organismischen Bedürfnisse klar wahrnehmbare Bedürfnis-Gestalten. Die jeweils dominante Figur wird zum Vordergrund, danach durch Befriedigung zerstört und tritt dann in den Hintergrund zurück. Das Äquilibrium (= Gleichgewicht) ist wieder hergestellt.


Aggression ist die Fähigkeit, auf Objekte zuzugehen. Sie hat eine lebensbejahende Qualität, die den Organismus in die Lage versetzt, sich selbst zu unterstützen und zu nähren. Aggressive Energien gelten als entscheidender Aspekt der organismischen Selbstregulation. Sie werden im Zyklus der Gestaltbildung und -destruktion mobilisiert. Erst nach der Transformation dessen, was nicht zum Selbst gehörte in Anteile des Selbst ist Wachstum möglich (hinzu kommt auch das Ausscheiden von "Nicht-Nährendem" ).
Bsp: Einen Apfel muß ich in seiner Gestalt zerstören (kauen), damit er mich nährt. Als Ganzes aufgenommen (introjiziert) würde er mich sehr quälen und mir Bauchschmerzen bereiten !


Erst die Unterdrückung dieser Fähigkeit im heranwachsenden Organismus pervertiert die Aggression zu Feindseligkeit, Hass und Zerstörungsdrang! (vergl. hier auch FREUDs Theorie des Todestriebes!)


Integraler Bestandteil der organismischen Selbstregulation ist die Awareness, d.h. eine ständig wache Aufmerksamkeit für die situativen Anforderungen im "Organismus-Umwelt-Feld". Dieses Feld beinhaltet sowohl meine individuellen geistigen, emotionalen und physiologischen Bedürfnisse als auch soziale und pysikalische Bedürfnisse, Anforderungen und Gegebenheiten meiner Umwelt.


Gesundheit und Neurose


Ein Organismus ist gesund, wenn eine ungehinderte Funktion der organismischen Selbstregulation möglich ist. Dies ist nicht gleichbedeutend mit dem Fehlen von Konflikten, Störungen oder auch Ängsten, sondern bedeutet eine kreative Anpassung des Organismus an die von Moment zu Moment sich ändernde Situation (also nicht Sicherheit, sondern das Vertrauen in die selbstregulierende Fähigkeit des Organismus).


Gesund ist man in der Lage, den vollständigen Zyklus der Bildung und Zerstörung von Gestalten zu vollziehen.


Neurotische Verhaltensweisen sind schöpferische Anpassungen in einem Organismus-Umwelt-Feld, in dem es Verdrängungen gibt. In der Neurose ist die organismische Selbstregulation gestört, d.h. der Kontaktprozess ist an bestimmten Stellen unterbrochen. Der Kontakt zur äußeren oder inneren Welt und deren Anforderungen ist unterbrochen, oder aber - wenn die Wahrnehmung noch gut funktioniert - kann der Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen blockiert sein.


Wirkfaktoren des gestalttherapeutischen Prozesses


Therapeut/in
Die Interaktion in der Therapeut-Klient-Beziehung ist das aktuellste Ereignis, an dem sich Art und Weise der Kontaktinteraktion des Klienten mit seiner Umwelt zeigt. Es soll ein Kontext hergestellt werden, in dem sich eine Person der anderen zeigen kann, um sich selbst finden zu können. Diese geschützte Situation bietet die Möglichkeit, mit neuem Verhalten zu experimentieren, d.h. die Awareness und die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.


Psychodiagnostische Kategorien zur Beschreibung der Persönlichkeit des Klienten werden weitestgehend abgelehnt. Häufig werden diese vom Therapeuten eher "missbraucht", um selber direkten Kontakt zum Klienten zu vermeiden, d.h. allerdings nicht, daß es keine spezifischen Begriffe für die Beschreibung von Prozessen gibt.


Awareness
Gestalttherapie ist eine tiefenpsychologische Methode, die mit allem arbeitet, was an der Oberfläche, was offensichtlich ist. Das Gewahrwerden des gegenwärtigen Prozesses ist das wichtigste Mittel zur Wiederherstellung von organismischer Selbstregulierung. Der Therapeut frustriert die Fluchtversuche in Vergangenheit und Zukunft. Konsequentes Verweilen in der Gegenwart und der entsprechenden Aufmerksamkeit führt dazu, dass "offene Gestalten" (unerledigte Situationen aus der Vergangenheit) auftauchen und einer direkten Bearbeitung zugänglich werden.


Experimente
Der Kreativität des Therapeuten in der Auswahl verschiedener Experimente sind kaum Grenzen gesetzt. Daher werden manchmal auch Elemte anderer Therapieformen eingesetzt (z.B. Psychodrama). Die Experimente werden in der entsprechenden therapeutischen Situation so eingesetzt, daß sie eine sinnvolle "Aufgabe" für den Patienten darstellen, die die Aufmerksamkeit des Patienten für eigene Prozesse steigern und ihn auch an Grenzen führen, an denen er mit seinem bisherigem Vermeidungsverhalten nicht weiterkommt. Die Experimente sollen auf diese Art neue Erfahrungen vermitteln (Erfahrung hat Vorrang vor dem "Reden über"!).

Systemische Ansätze


Systemische Ansätze sind in den 70-er Jahren in der Psychotherapie hinzugekommen. Ansätze systemischen Denkens waren und sind in einigen anderen Psychotherapieansätzen ebenfalls zu finden, so z.B. der Begriff des Organismus-Umwelt-Felds von LEWIN in der Gestalttherapie.


Therapeutisch interessant wurden systemische Erklärungen in der Schizophrenieforschung, dies vorerst jedoch weniger als Behandlungsmethode, sondern vielmehr, um kausale Erklärungen für die Entstehung der Schizophrenie zu finden. So wurde die Beziehungsstruktur in der Familie als zunehmend relevant amgesehen ("Double-Bind" - Theorie, 1956). Dieser Ansatz war als theoretische Gegenkonzeption zur somatischen / medizinischen bzw. psychoanalytischen Erklärung anzusehen. Schizophrenie galt aus systemischer Sicht als Kommunikationsstörung, und zwar als die "einzig mögliche Reaktion auf einen absurden und unhaltbaren zwischenmenschlichen Kontext" (WATZLAWIK u.a. 1969).


Heute existieren verschiedene Richtungen, die insgesamt recht unterschiedliche Wurzeln haben. Gemeinsam ist ihnen allen, dass die Aufmerksamkeit auf Prozesse im engen Sozialfeld des "identifizierten" Patienten gerichtet wird und therapeutische Interventionen nur auf dieser Ebene stattfinden.




Hauptrichtungen der systemischen Therapie


Palo-Alto-Gruppe (die Kommunikationsschule der Familientherapie) 1959 gegründet als "MRI = Mental Research Institute von Virginia SATIR, Don JACKSON, Jules RISKIN


in den 60-er Jahren kamen dazu: Paul WATZLAWICK, Jay HALEY, John WEAKLAND, John BELL, Gregory BATESON


Mailänder Schule "Systemische Therapie" aber ausdrücklich erst und nur von den Mailändern um Mara Selvini-Palazzoni als Terminus verwandt


in Deutschland:


1. Familientherapie durch Horst-Eberhard RICHTER ab der 60-er Jahren


2. IGST (Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie, Heidelberg), gegründet von Helm STIERLIN, Fritz SIMON, Gunthard WEBER u.a.


Grundlegender Aspekt des systemischen Denkens ist v.a. ein "Paradigmenwechsel" im psychotherapeutischen Denken und dem Verständnid psychischer "Störungen". Zum systemsichen Denken gehören der Fokus auf Prozesse wie Zirkularität, Kommunikation , Struktur, Ökologie und Evolution.